Oliver Platt (Büfo) kann dem Grünen-Ansinnen „viel Positives abgewinnen“: Die Idee der Müllvermeidung durch den gelben Sack ist komplett gescheitert.“

 

 

 

RP 29.05.2019

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Ratsleute bestehen auf Mischsystem aus gelbem Sack und gelber Tonne

 

Wermelskirchen

 

Die Kommunalpolitiker im Wermelskirchener Stadtrat beharren darauf, dass die Bürger der Stadt selbst entscheiden sollen.

 

Von Stephan Singer

 

Die Kommunalpolitiker im Wermelskirchener Stadtrat beharren darauf, dass die Bürger der Stadt selbst entscheiden sollen, ob sie ihren Abfall in einem gelben Sack oder in einer gelben Tonne entsorgen wollen. Das haben sie diesen Montag entschieden – bei Enthaltungen der Grünen und der Fraktion FÜR. Es soll einen zweiwöchigen Abfuhr-Rhythmus geben.

Mit dem Beschluss stimmte der Stadtrat dem gemeinsamen Antrag von CDU, FDP und WNKUWG zu, wonach die Stadtverwaltung beauftragt wird, über die Bergische Wertstoffsammel-Gesellschaft (BWS GmbH) den schriftlichen Verwaltungsakt einer Rahmenvorgabe an die ab dem 1. Januar 2020 zuständige Firma „Reclay“ zu erlassen. Die BWS führt für die Kommunen die Verhandlungen, „Reclay“ hatte den Wunsch des Stadtrates wegen mangelnder Rentabilität und zu großem Aufwand als nicht durchführbar eingestuft.

 

Wer die Kosten für die Entsorgung zahlt

Das System Die Kosten für das Duale System („Grüner Punkt“) in Deutschland mit Gelbem Sack oder Gelber Tonne zahlen letztlich wir Verbraucher. Während die Hersteller, die die Verpackungen von beispielsweise Lebensmitteln in Umlauf bringen, ihre Abgaben an das System entrichten, tragen die Käufer diese Kosten durch deren Umlage auf die Preise der Waren.

 

 Jochen Bilstein (SPD) sah in der Ratssitzung eine Zwangsläufigkeit: „Die Arroganz der Entsorgungsunternehmen muss dazu führen, diesem Antrag zuzustimmen.“ Für die CDU unterstrich Randolph Schmidt: „Wir lassen uns nicht gängeln.“ Beispielsweise habe Ennepetal einen zweiwöchigen Abfuhrrhythmus beim gelben Müll, weshalb es nicht zu erklären sei, warum das in Wermelskirchen nicht gehen soll. Bereits in ihrem Antragsschreiben hatten die Unterzeichner Christian Klicki (CDU), Heinz-Jürgen Manderla (FDP) und Henning Rehse (WNKUWG) betont: „Dass ein Mischsystem von gelbem Sack und gelber Tonne nicht technisch unmöglich oder wirtschaftlich unzumutbar ist, wird allein dadurch bewiesen, dass ein solches System in bestimmten Regionen seit Jahren flächendeckend praktiziert wurde und auch zukünftig praktiziert wird.“

 

Einstimmig einigte sich der Stadtrat, das Ansinnen der Grünen zur Einführung einer Wertstofftonne als Prüfantrag an die Verwaltung zu geben. Weniger Einigkeit herrschte bei den Optionen: Während der Grünen-Antrag von einer Tonne für jegliches Metall und alle Kunststoffe vorschlug, wünschte sich Rehse eine Tonne, in die ebenso Glas und Papier entsorgt werden können. Er sagte jedoch auch: „Das ist interessant und sollte verfolgt werden.“ Oliver Platt (Büfo) kann dem Grünen-Ansinnen „viel Positives abgewinnen“: Die Idee der Müllvermeidung durch den gelben Sack ist komplett gescheitert.“

Grünen-Sprecher Stefan Janosi erklärte: „Der Anspruch muss Müllvermeidung sein. Das Duale System wird dem nicht gerecht. Darauf haben wir als Kommune Einfluss. Wertstofftonnen bringen eine Recycling-Quote von 80 Prozent. Außerdem wird das Sortieren einfacher, es muss nicht mehr nach Verpackung und Nicht-Verpackung getrennt werden.“

Auf einen „Haken an der Sache“ verwies Manfred Schmitz-Mohr (Büfo): „Eine Wertstofftonne ist nicht Bestandteil des Dualen Systems und müsste demnach vom Bürger zusätzlich bezahlt werden.“ Die Grünen meinten, dass die Kosten für Wertstofftonnen anteilig von den Herstellern von Verpackungsmaterialien zu zahlen seien.

Oliver Platt erträgt den Gedanken kaum, dass sein Heimatland bald nicht mehr zur Europäischen Union gehört. Um seine Reisefreiheit und sein Mandat im Rat zu behalten, gibt er den britischen Pass nun ab.

 

Rheinische Post 28.02.2019

 

 

 

 

 

 

 

Brexit und die Folgen für einen Wermelskirchener

Ein Europäer gibt den britischen Pass ab

 

Von Theresa Demski

 

In der Schule nannten sie ihn „den Engländer.“ Und Oliver Platt gefiel das irgendwie. „Darauf war ich stolz, ohne es zu übertreiben“, sagt er. Mit seinem Vater stand er auf, wenn beim Fußball die englische Nationalhymne erklang und sein großer Pass mit den goldenen Buchstaben und der schnörkeligen Versicherung der Königin, als britischer Staatsbürger geschützt zu werden, bedeutete ihm etwas. Im März gibt er diesen Pass nun ab – und wer mit Oliver Platt ins Gespräch kommt, der merkt schnell, wie schwer ihm das fällt. „Ich habe nicht geglaubt, dass es wirklich einen Brexit geben wird“, sagt er, „ich habe nicht geglaubt, dass die Argumente der Rechten funktionieren.“

Entsprechend fassungslos stand er vor dem Ergebnis des Referendums. „So viel Dummheit“, sagt er, „ich liebe Europa, es ist der einzige Weg, um Frieden zu bewahren und sie treten es mit Füßen.“ Der Schaden sei schon jetzt immens, findet Platt. Was die politische Entscheidung für sein Leben bedeuten würde, wusste er damals noch nicht. „Also ging ich ins Rathaus und stellte eine Anfrage“, sagt er. Dabei ging es ihm auch um sein Ratsmandat, das er für das Bürgerforum angetreten hatte. Und schnell stand fest: Mit dem Brexit würde er es verlieren. „Dazu kam, dass ich einen Aufenthaltstitel brauchen würde und mich nicht mehr frei in Europa bewegen könnte.“ Das war zu viel.

INFO

17 Briten leben in Wermelskirchen

Zahlen Insgesamt leben im Rheinisch-Bergischen Kreis 249 Menschen mit britischem Pass. Davon wohnen 17 Briten in Wermelskirchen – unter ihnen mit dem Musiker Leslie Searle auch einer der Bekanntesten. Die übrigen britischen Staatsbürger verteilen sich auf folgende Städte und Gemeinden: In Bergisch Gladbach leben 90 Briten, in Burscheid neun, in Kürten 22, in Leichlingen 28, in Odenthal und in Overath jeweils 21 und in Rösrath 41.

Und damals traf er die Entscheidung, seinen britischen Pass abzugeben – egal wie die politischen Ränkespiele weitergehen würden. Dieses Spiel habe er nicht mitspielen wollen. „Ich bin richtig sauer auf mein Land“, sagt er, „also beschloss ich, Deutscher zu werden.“ Er fand sein altes Schulzeugnis, das ihm die nötige Deutschnote lieferte, wies B1-Sprachkenntnisse nach, besorgte Urkunden, schrieb seinen Lebenslauf und ging auf die Ämter. „Ich war mit Flüchtlingen schon häufig diese Wege gegangen“, sagt er, „und plötzlich traf es mich selbst.“

Inzwischen hat er den Einbürgerungsantrag gestellt, noch im März bekommt er den deutschen Pass. Und das lässt ihn nicht kalt – auch wegen seiner bewegenden Familiengeschichte. „Dieser britische Pass hat meiner Familie das Leben gerettet“, sagt er und beginnt zu erzählen. Von seinem Großvater, der Gemüsehändler in Birmingham war, auf einer Dienstreise in Valencia seine Frau mit französischem Pass kennenlernte und mit ihr gemeinsam noch in Spanien einen Sohn bekam. Oliver Platts Vater. Und der Junge erhielt den englischen Pass. Die Großeltern trennten sich, die Großmutter siedelte mit ihrem Sohn nach Paris um, lernte einen Österreicher kennen und lieben, der dann für die Wehrmacht arbeitete und nach dem Krieg ins Gefängnis kam. „Damals sollte auch meine Großmutter wegen Kollaboration mit dem Feind festgenommen werden“, erzählt Platt. Folter, Vergewaltigung und Demütigung drohten. Aber das englische Konsulat erfuhr von dem Jungen mit dem britischen Pass und brachte die Familie in Sicherheit – in die britische Besatzungszone nach Wermelskirchen.

„Der Pass rettete ihnen das Leben“, sagt Platt. Und diesen Pass gibt er nun ab. „Meinem Vater darf ich das nicht erzählen“, sagt er, „das würde ihm das Herz brechen.“ Aber an seiner Identität ändere das nichts. Er habe die britische Gelassenheit seines Vaters geerbt: „Keep calm – bleib ruhig“. Und gleichzeitig schätze er Fleiß und Pünktlichkeit – eher deutsche Tugenden. Ob er im April noch Brite sei? „Da wähle ich das Hintertürchen“, erklärt der 50-Jährige bewegt, „und sage: Ich bin Europäer.“